re:publica: Und? Wie war’s?

re_publicaGewöhnungsbedürftig. Was aber an mir lag, denn zum einen war ich zum ersten Mal da und zum anderen sind Aktivisten-Veranstaltungen eigentlich nicht mein Ding.
Nachdem ich nach einem durchwachsenen ersten Tag aber meine Strategie zur Auswahl der Veranstaltungen, die ich mir ansehen wollte, angepasst hatte, gab es doch so einiges zu lernen.

Video Killed The TV Star

Zum Beispiel über Video-Streaming: Das war in Deutschland ewig kein Thema, jetzt aber gewinnt man den Eindruck – wenn man zusammenrechnet, was auf den verschiedenen Veranstaltungen dazu so erzählt (und auch nicht erzählt) wurde -, dass der Verdrängungskampf da schon bald beginnen könnte, und zwar bevor der Markt wirklich erschlossen ist. Dass die meisten TV-Konsumenten hierzulande linear konsumieren, und dass das wohl noch längere Zeit so bleiben wird, betonen zwar alle, aber darüber, dass das nicht die Zukunft ist, sind sie sich ebenso einig.

Das Preis-Dilemma

Beim Musik-Streaming ist man ja schon in dieser Konfrontation. Zwar sollen auf dem deutschen Markt die Einnahmen aus diesem Segment nur eine untergeordnete Rolle spielen (im Helene-Fischer-Land wird Musik zu 75% Prozent noch immer als CD verkauft), aber vor allem die Pläne von Apple machen wohl doch dem einen oder anderen etwas Angst.
Das Dilemma: So lange jeder halbwegs vernunftbegabte 18-Jährige in maximal einer halben Minute den Song, den er hören will, auch so im Internet findet (sagt die Industrie selbst), kann man die Preise für Streaming nicht ohne Ende nach oben treiben, weil sonst keiner mehr zahlt. Andererseits – so von Label-Seite – lassen sich mit den derzeitigen Einnahmen die Produktionskosten auch nicht mehr decken. Dass Musik aus der Konserve auf dem Weg ist, Live-Events zu promoten und nichts anderes zu tun, wurde sacht angedeutet, aber niemand sagt beherzt, dass man dann beim Geschäftsmodell vielleicht mal radikal nachdenken muss.

Das Content-Dilemma

Vor dem steht offenbar Google, zumindest, wenn man sich anschaut, was das Unternehmen mit seinen Knowledge Graphs vorhat. Dabei handelt es sich um den Bereich der Suchergebnis-Seite, der rechts oben zu finden ist, und der eigentlich präzise Zusammenfassungen von Inhalten liefern soll. Klingt gut, wird aber zum Problem, wenn man vorhat, da mehr zu liefern als ein Wikipedia-Exzerpt. Und wenn – wie im konkreten Fall – das Themengebiet auch noch Medizin heißt und nach etwas mehr Kompetenz verlangt, stößt das Konzept des Knowledge Graph an seine Grenzen. Redaktionelle Arbeit oder Kuratieren will Google nämlich nicht ins Repertoire aufnehmen (was auch gut ist), aber die Suche nach einem Partner dafür ist sicher nicht die einfachste Sache der Welt.

Big Data und Thick Data

Ein ganz charmanter Rausschmeißer war „How To Avoid Curses In The Era Of Big Data“ von Tricia Wang, ein (wissenschaftshistorisch abgeleitetes) Plädoyer dafür, sich nicht auf die Aussagekraft von Datenmengen allein zu verlassen, sondern auch mal an die Qualität von Daten zu denken (was sie „Thick Data“ nennt). Da mag sich der eine oder andere zwar vielleicht daran erinnern, sowas schon mal im Kontext von quantitativer und qualitativer Sozialforschung vor einigen Jahren (oder Jahrzehnten) gehört zu haben, aber dass der Aspekt frisch verpackt und unterhaltsam vorgetragen mal wieder auf den Tisch kommt, ist sicher nicht falsch.

Und sonst so?

Eigentlich das, was man von Veranstaltungen in dieser Größenordnung so gewohnt ist. Wenn man drei Tage Programm machen will, muss man auf Masse setzen und bei der Qualität ein Auge zudrücken. Wobei man einem Aktivisten eher und gerne verzeiht, wenn er sich mal verhaspelt (er ist in der Regel zumindest engagiert und vorbereitet), während es eine Menge Dampfplauderer aus mindestens halbwegs etablierten Medien gibt, die mit Reizwörtern wie „neue Formate“, „neue Zielgruppen“ oder „Content Wars“ Publikum locken, aber wenig zu sagen haben („mobil“ beispielsweise ist keine Zielgruppe, sondern ein Kanal).
Den Weltraumfahrer Alexander Gerst habe ich leider verpasst – alles schwärmte von seinem Vortrag, ohne dass mir aber jemand hätte erklären können, was das mit der re:publica eigentlich zu tun gehabt hätte.
Hernieder auf Erden wunderte ich mich etwas, dass der erste Tag der media convention, die in die re:publica integriert ist, ausgesprochen SPD-lastig besetzt war, aber vielleicht ist Olaf Scholz ja wirklich der deutsche Politiker, der im Moment am meisten zum Thema „Die neue Medienordnung“ zu sagen hat.
Ganz lustig fand ich, dass praktisch alle Vortragenden so taten, als gebe es das Internet erst seit dem Moment, an dem sie selbst anfingen, sich damit zu beschäftigen – aber zum Glück gab es da auch noch eine  Vortrag von Julia Krüger, der zeigte, dass die ersten politischen Entscheidungen für digitale Kommunikationsstrukturen schon in den 70-ern gefällt wurden – was dann auch wieder vieles erklärt.

Und nächstes Jahr wieder?

Mal sehen. Ein must have ist re:publica zumindest für mich nicht. Die Industrie-Panels waren teilweise aufschlussreich; ein paar interessante Start-Ups wären nett gewesen. Also werde ich auf das Programm warten und dann mal sehen – was ich nicht zu erwarten habe, weiß ich jetzt ja auch … [dieter]

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